Stadt-Musicbox,
Stadt-Hören: Die "Hupensymphonie" von Avraamov in Baku und Moskau
1923/24.
Eine
medienarchäologische Miniatur
von Siegfried Zielinski
"Fabriksirenen heulten. Werkhupen gaben ein Konzert. Musik und
Lieder schwiegen. Nur Leute und Flaggen und wieder Leute. Die Klänge der Internationale schwammen in den Wellen
des Menschenstroms." - "Die
Instrumente dieses merkwürdigen außergewöhnlichen Orchesters sind zerstreut: im
Hof von Moges steht eine rohe
Konstruktion, auf der 50 Lokomotivpfeifen und drei Sirenen befestigt worden
sind. Auf der anderen Seite der Moskwa, gegenüber dem Palast der Arbeit, das
>Schlagzeug<, das die Rolle der Trommeln spielt, Batterien von
Geschützen. Rotarmisten schießen Gewehrsalven. Der Dirigent ... musste etwas
höher stehen als üblich, auf dem Dach eines vierstöckigen Hauses, so, dass man
ihn auf beiden Seiten des Flusses sehen kann ... Auf die Plätze! Die Schüler
des Konservatoriums, unter denen auch einige Kinder sind, eilen zu den
Drahthebeln, die mit den Hupen verbunden sind. Jede Hupe steht für eine Note.
Auf dem Dach gibt der Dirigent Flaggenzeichen ... Schwer donnert das Schlagzeug
los, rollt als brüllendes Echo durch Zamoskworetschje (ein Stadtteil Moskaus,
S. Z.) ... Was danach kam, konnten nur diejenigen hören, die sich weit entfernt
aufhielten. Die Teilnehmer und Anwesenden hingegen kümmerten sich nur noch
darum, wie sie ihre Ohren möglichst dicht verstopfen konnten, damit ihre
Trommelfelle nicht platzten." [i] Die beiden Zitate stammen aus zeitgenössischen Besprechungen eines
konzertanten Ereignisses, das nur zwei Mal aufgeführt wurde: am 7. November
1923 um die Mittagszeit im Zentrum von Moskau und exakt ein Jahr zuvor in der aserbeidjanischen
Hauptstadt Baku. Bei dem Ereignis handelte es sich um die mächtigste Symphonie
des Urbanen, die jemals inszeniert wurde. Ihr Komponist war der Donkosak
Arsenij Michajlovich Krasnokutskij (1886-1944), der auch unter dem Pseudonym
Avraamov arbeitete. Er war Musiktheoretiker, Akustiker, baute zahlreiche neue
Musikinstrumente (u. a. das >Saitenpolychord<), erfand ein eigenes
universales Tonsystem aus 48 Tönen, für das er auch selbst die Musiken schrieb,
unterrichtete an den Konservatorien von Rostow und Moskau und bekleidete
zeitweilig hohe politische Ämter in der jungen Sowjetunion, u. a. in der
Universitätsstadt und Kazan. Seine Manifeste und Pamphlete unterzeichnete er
mit dem Dreibuchstabenwort Ars. Die beiden Aufführungen der "Hupensymphonie" in Moskau und
Baku fielen im Detail sehr unterschiedlich aus. In der sowjetischen Hauptstadt
fing die Inszenierung um 12.30 Uhr mit einer Geschützsalve an, die allen
Teilnehmern und den Einwohnern der Stadt den Start signalisierte. Danach
erklangen die Fanfaren, die mit ihrem durchdringenden Ton an die Signale der
Minenschiffe erinnerten. Von Gewehr- und Geschützsalven begleitet, ertönte
sodann die "Internationale", gesungen von einem riesigen Laienchor
der "Jungen Garde". Erfahrene Maschinengewehrschützen imitierten
nicht nur Trommelwirbel, sondern konstruierten komplizierte rhythmische Figuren
... Über dem >Roten Platz< dröhnten gleichzeitig zwanzig Aeroplane, die
an verschiedenen Stellen der Symphonie eingesetzt wurden ... Genauer sind die
Informationen über die Uraufführung in Baku, jener Stadt am Schwarzen Meer, die
aufgrund ihres großen Reichtums an Erdöl im Verlauf der Geschichte immer wieder
die Begierden verschiedenster europäischer Invasoren erweckt hatte, und deren
Peripherie durch einen dichten Gürtel riesiger metallener Ölpumpen in eine
gespenstische Maschinenlandschaft verwandelt wurde. Im "Bakinschen
Arbeiter" veröffentlichte Avraamov selbst genaue Instruktionen für die
Durchführung des Ereignisses, die das Szenario etwas besser vorstellbar machen.
Die Symphonie bestand danach aus drei Teilen, die in sich jeweils durch 25
Kanonenschüsse gegliedert waren. Ich zitiere die Beschreibung des Komponisten
indirekt, um zusätzliche Erklärungen und Verdeutlichungen meinerseits zu
ermöglichen.
1. Teil,
"Alarm" : Die normal um diese Zeit aus
Anlass der Revolutionsfeiern ertönende Mittagskanone wird gestrichen. Nach der
ersten Geschützsalve beginnen pünktlich um 12 Uhr die Nebelhörner der Schiffe
im Hafen. Nach dem fünften Kanonenschuss kommen die Hupen der
Warenumschlagplätze hinzu, nach dem zehnten Kanonenschuss folgt die zweite und
dritte Gruppe der Industriehupen. Nach dem 15. Schuss setzt die erste Gruppe
der Industriehupen ein, begleitet von den Sirenen der Flotte im Hafen.
Gleichzeitig hebt das große Blasorchester mit der "Warsawanka" an.
Nach dem 18. Schuss klinken sich u. a. die Fluzeuge mit ihrem ohrenbetäubendem
Lärm ein. Nach dem 20. Schuss ertönen die Hupen des Eisenbahndepots und die
Pfeifen der Lokomotiven, die am Bahnhof stehen. Dirigiert von den Flaggensignalen
des Komponisten setzen zur gleichen Zeit Maschinengewehre und das
Dampforchester ein. Mit den letzten fünf Kanonenschüssen schwillt der 1. Teil
zum Höhepunkt an, der mit der 25. Kanone beendet wird. Pause. Entwarnung vom "Magistral",
einer aus Dampfkesseln zusammengesetzten Orgel, die für die symphonische
Aufführung die Funktion eines Leitinstruments einnahm. Mit 17 verschiedenen
Tönen konnte die Maschinisten auf ihr rudimentär die "Internationale"
spielen.
2. Teil,
"Kampf": Dreifacher Sirenenakkord. Die
Aeroplane fliegen tiefer. Aus dem Hafen ertönt maschinelles "Hurra".
Die "Internationale" vierfach. In der Mitte ihrer zweiten Strophe
setzt das vereinte Blasorchester mit der "Marseillaise" ein. Bei der
Wiederholung der Melodie der "Internationale" übernehmen die
versammelten Massen auf dem zentralen Platz die Funktion des Chors und singen
alle drei Strophen zu Ende... Während die "Internationale" erklingt,
schweigen alle Industriehupen der Umgebung, des Depots am Bahnhof und die
Lokomotiven.
3. Teil,
"Apotheose des Sieges" : Er beginnt mit
einem feierlichen Akkord, der von den Salven der Maschinengewehre und
minutenlangem Geläut der Glocken der
Stadt begleitet wird. Der zeremonielle Marsch der Massen, der noch zwei mal von
den Klängen der "Internationale" begleitet wird. Den Abschluss der
Symphonie bildet ein Akkord aller
Industriehupen Bakus und seiner Distrikte. Energetische Anregung für die "Hupensymphonie" war die Poesie
des Alekseij Kapitanovich Gastev, Journalist, Schriftsteller,
Straßenbahnlenker, Lehrer, Metallarbeiter, Gewerkschafter aus Suszdal, der ein Großteil der zehner Jahre des letzten
Jahrhunderts im Gefängnis saß, in Straflagern interniert, auf der Flucht oder
im Exil war. Er gehörte zu den freien Radikalen der futuristischen Szene St.
Petersburgs/Petrograds. Zwischen 1913 und 1920 entwickelte er neben seinen
politischen Aktivitäten eine extreme Ökonomie der Sprache, die ganz vom Geist
der Technik getrieben war, den er verallgemeinernd das "Maschinische"
nannte. [ii] 1920 veröffentlichte er in Riga seinen letzten Gedichtband. Er bestand aus zehn
Poemen, die er "Ein Paket von Ordern" betitelte. Formal-ästhetischer
Höhepunkt dieser poetischen zehn Gebote frühproletarischer Kultur waren Verse,
die aus Einwortzeilen komponiert waren und maschinelle Befehle oder
Handlungsanweisungen enthielten. Danach überschritt Gastev die Grenze von der
Kunst in das alltägliche Leben und baute, zuerst in Moskau, später auch in
anderen Städten der jungen Sowjetunion, Institute zur systematischen Erforschung
der Arbeit auf. In Nachbarschaft zum bio-mechanischen Theater Meyerholds und
zur Bimechanik Eisensteins wollte er auf der Basis eines zweiwertigen Codes des
Mechanischen (Hub und Schub) eine Ökonomie der Arbeit entwickeln, die im
extremen Gegensatz zur schwerfälligen agrarischen Produktionsweise des Landes
stand: ganz vom Takt der Maschine bestimmt, mit ihr eins werdend, dem Ideal
einer proletarischen Menschmaschine folgend, eine Ansammlung lebender
Expertensysteme. Anfänglich von der kommunistischen Parteiführung verehrt und
protegiert geriet Gastew als schwärmerischer Aktivist einer neuen Arbeits- und
Lebensweise unter Stalin immer mehr ins Abseits und wurde schließlich Ende der
dreißiger Jahre nach einem der berüchtigten Schauprozesse im Gefängnis
ermordet. Krasnokutskij alias Avraamov und
seinen vielen musikalischen und technischen Helfern ging es bei der "Hupensymphonie"
nicht darum, ein gigantomanisches geschlossenes Kunstwerk zu schaffen, den
Konzertsaal in die Stadt hinein zu expandieren. Ähnlich wie Dziga Vertov im
Feld der visuellen Recherche seine Kamera mit der neuen urbanen Realität zu
verbinden trachtete, das mechanisch-optische Kino-Auge in sie eindringen lassen
und es nach deren Rhythmus sich bewegen lassen wollte, suchten die Musiker und
Komponisten Formen und Praxen, die sich in den veränderten Klangalltag der
russischen Städte einmischen sollten. Die neuen Formen sollten auf der Klaviatur
der urbanen akustischen Sensationen virtuos spielen. Das Sujet der "Hupensymphonie"
war nicht einmalig. Der zeitgenössische künstlerische Kontext wird abgesteckt
etwa durch die Jahrmarktszenen in Strawinskijs "Petruschka" oder
Kastalskijs "Straßensymphonie", in der er Photographien von
Straßenszenen mit den dissonanten Klängen von Autohupen montierte, oder auch
den Experimenten von Charles Ives in den USA, der wie Avraamov mit der
Polytonalität experimentierte und die klanglichen Ströme der nordamerikanischen
Städte konzertant inszenierte. Hupen und Sirenen wurden zu den Stimmen der
neuen, Stadt, die in ihrem Charakter nun durch die Transformationsarbeit der
Industrie geprägt war.. Zum Ensemble zusammengefügt, erhielten sie die Funktion
eines mechanisch-akustischen Chors, der die Stadtbewohner in ein Hören der Welt
einüben sollte, das im Einklang mit den Arbeitserlebnissen stand. "Und wovon sollte man träumen, wenn die >wahre< Musik so
miserabel süß-sauer klingt, und unsere technische Schwäche die Verwirklichung
der real anderen, von uns gewünschten Musik bremst?", schrieb Avraamov
1925 und stellte in Auswertung der "Hupensymphonie" weitreichende
Forderungen für eine neue "musikalische Wissenschaft" auf, wie zum
Beispiel: "1. Konstruktion von radio-musikalischen Instrumenten, die nicht
nur eine laboratorielle, sondern auch eine kolossale soziale Bedeutung haben
(unbegrenzte Steigerung der Kraft des Klangs bei idealer Intonations- und
Klangfarbengenauigkeit)... 4. Topographische
Akustik: Erforschung der Bedingungen für das machtvolle Tönen musikalischer
Apparate über kompletten Städten... 5. Gestalterische
Probleme im musikalischen Schaffen: die Gesetze der Komposition unter den
Bedingungen der Kunstperformanz im Freien, die Veränderung der klanglichen
Gestalt des städtischen Lebens..." Telekommunikation wurde von der russischen Revolutionsregierung
erstmals am 12. November 1917 als Massenmedium genutzt, als Lenin mit seinem
Funkspruch "An Alle! An Alle!" die Annahme des Dekrets über den
Frieden durch den Sowjetkongress verkündete. Seitdem wird seine Gleichung:
Kommunismus = Sowjetmacht + Elektrifizierung auch mit dem Radio verbunden,
obgleich der berühmte Funkspruch technologisch noch kein Radio war, sondern als
codierter Morsefunk verbreitet wurde. Im selben Jahr, in dem die "Hupensymphonie"
in Baku aufgeführt wurde, demonstrierte Lev Sergeivich Termen (Theremin) im
Moskauer Kreml vor Lenin sein "Thereminvox", wie das frühe
elektronische Musikinstrument ursprünglich hieß. Es wurde durch die
Beeinflussung elektromagnetischer Wellen, die durch zwei Antennen abgestrahlt
wurden, durch die Feinstellungen der Hände des Musikers gespielt. Über die eine Antenne konnte die Tonhöhe
manipuliert werden, über die andere die Lautstärke. Lev Termen hatte das
Instrument
1920 in
St. Petersburg erfunden, wo er das Labor des physikalisch-technischen Instituts
leitete. Das war wiederum im selben Jahr, als Gastev seinen letzten Gedichtband
in Riga publizierte. Einbildungen des Medialen spielen darin eine ebenso große
Rolle, wie Phantasien unbegrenzter Manipulierbarkeit des Natürlichen wie des
Gebauten. "Elektro-Saiten bis ins Zentrum der Erde" (aus Order 06). "Sonne
eine halbe Stunde ausschalten./Am nächtlichen Himmel zwanzig Kilometer Worte
schreiben./Das Bewusstsein auf 30 Breitengrade strecken./In 5 Minuten
20 Kilometer
lesen./Sonne wieder einschalten..." (aus Order 07). "Meldung
erstatten: sechshundert Städte – Probe bestanden./Zwanzig Städte hin –
Ausschussware." [iii] (Order
10) 1918 veröffentlichte Gastev ein Gedicht, das er "Hupen"
betitelte. Darin heißt es: "Wenn die Hupen morgens in der Fabrik heulen,
ist das ja kein Ruf der Sklaverei. Das ist ein Lied der Zukunft." Seine
Forderung nach einer "Symphonie der Arbeitsschläge und des
Maschinengetöses" ist nur verständlich auf dem Vordergrund der Erfahrung
einer Gesellschaft, die trotz allen revolutionären Elans sich ungeheuer schwer
tat mit der Umgestaltung einer Produktion und Reproduktion, die ganz durch die
allmählichen und langsamen Prozesse der Natur bestimmt war, hin zu einer Industrie,
deren Takt die traditionelle agrarische Produktionsweise überlaufen sollte. Die
Utopie, in die solche Forderungen eingebunden wurden, war die einer Assoziation
von gleichberechtigten Expertensystemen, in der niemand mehr den Zwang
verspüren sollte, arbeiten zu müssen, weil Leben, Technik und Arbeit eins wären
und so die Entfremdung aufgehoben wäre.
Bibliographie AVRAAMOV, Arseni. The Symphony of Sirens. (Kahn,
Douglas
and Whitehead, Gregory, eds. Wireless Imagination: Sound, Radio, and the Avant-Garde).
Cambridge
,
MA
and
London
: The MIT Press,
1992, 245-252. GASTEV,
Aleksej K. Kak nado rabotat (Wie man
arbeiten soll. Praktische Einführung in die wissenschaftliche Organisation der
Arbeit). Moskau: Ekonomika, 1966 (Neuaufl. aus den 1920ern). GASTEV,
Aleksej K. Ein Packen von Ordern (trad.:
Cornelia Köster). Oberwaldbehrungen: Engstler, 1999. GASTEV,
Aleksej K. Geradebiegen des Volkes
(1922) (trad. Karla Hielscher). In: Alternative Nr. 122/123, Okt./Dez. 1978, 242-246.
GASTEV,
Aleksej K. Rüstet euch, Monteure! (1923)
(trad. Karla Hielscher). In: Alternative Nr. 122/123, Okt./Dez. 1978, 236-241.
Schrift ZIELINSKI, Siegfried; WAGNERMAIER, Silvia. Variantology I. On Deep Time Relations Between the
Arts, Sciences and Media. Köln: Walther König, 2005.
ZIELINSKI, Sigfried. Deep Time of the Media. Toward an Archaeology of Hearing and Seeing by
Technical Means. Cambridge/London: MIT Press, 2005. (Chinese
Version at The Commercial Press
Beijing
). ZIELINSKI,
Siegfried. Arqueologia da Mídia: Em
busca do tempo remoto das técnicas do ver e do ouvir. São Paulo: Annablume, 2006. ZIELINSKI, Siegfried. Audiovisionen: Kino und Fernsehen als Zwischenspiele in der Geschichte. Rowohlts Enzyklopädie. Reinbek bei
Hamburg
, 1989/1994. ZIELINSKI, Siegfried. Audiovisions: Cinema and Television as Entr'actes in History. Translation by Gloria Custance.
Amsterdam
:
Amsterdam
University
Press,1999.
[i] Soweit nicht anders nachgewiesen stammen
die Zitate aus dem Text „Kommunistische Glocken“ von S. Rumjantsev aus der
Zeitschrift „Sowjetische Musik“ (No. 11, 1984). Der Text ist die genaueste
Darstellung des musikalischen Ereignisses, um das es hier geht. Ich danke
Andreij Smirnov vom Moskauer Theremin Center, der mir die Quelle zugänglich
gemacht hat, und Ludmila Voropai für die Übersetzungshilfe.
[ii] Vgl. zu Gastev und der
Szene in St. Petersburg ausführlich mein Buch zur „Archäologie der Medien“,
rowohlts enzyklopädie, 2002.
[iii] Zit. hier nach der
Übersetzung Cornelia Kösters, die 1999 im Freiburger Verlag Peter Engstler
erschien.
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